Projektinfo

St. Pauli ist ein klassisches „Revier“ für dokumentarische Fotografie. Anders Petersen mit seinen berühmten Bildern aus dem Café Lehmitz aus den sechziger Jahren steht dafür ebenso wie Günter Zints Zeitdokumente der Siebziger und Achtziger. Diese Fotografien zeigen besonders faszinierende Facetten des Kiez- Milieus und sind durch ihre Nähe zu den Menschen und ihre künstlerische Kraft zu Ikonen geworden.
St. Pauli ist ein Mythos: Das Hafenviertel mit Rotlichtmilieu und Amüsiermeile, die Menschen mit großem Herzen und rauem Charme. Kein Reiseführer von Hamburg, der nicht die Reeperbahn, die Landungsbrücken und den Fischmarkt erwähnt. Das Image des Viertels ist weit über Deutschland hinaus bekannt. Fraglich, ob der Mythos und die Alltagsrealität der Bewohner_innen jemals deckungsgleich waren. Für die Gegenwart gilt es mehr denn je:
Viele neue Gebäude sind geplant, alte Gebäude werden abgerissen. Straßen, Plätze, Parks und Hinterhöfe erhalten ein anderes Gesicht. Die Entscheidungen über die Gestalt und die Zukunft des Stadtteils werden nur selten von den Menschen getroffen, die in St. Pauli leben. Meistens verhandeln Politik, Verwaltung und Investoren, was als nächstes geschieht. Steigende Mieten verdrängen Gewerbetreibende und die Bewohner_innen, die nicht ganz so tief in die Tasche greifen können. Die meisten, die gehen, gehen nicht freiwillig. Sie gehören aber zu jenen, die den Stadtteil über Jahrzehnte geprägt haben.

Warum wir eine Foto-Ausstellung mit Bewohner_innen organisieren

Mit dem Projekt „St. Pauli selber sehen“ wollen wir gemeinsam mit den Bewohner_innen eine Momentaufnahme des facettenreichen Stadtteils festhalten. Die Fotografie lässt die Zeit still stehen. Sie ist eine Möglichkeit, klarer zu sehen, was passiert. Wir können die Dinge, die verschwinden und die uns wichtig sind, für die Erinnerung festhalten. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Mythos und die Wahrnehmung St. Paulis als spannendes aber nicht einfaches Wohnviertel.
Das Fotoprojekt ist für die Stadtteilarbeit der GWA auch ein Instrument, Öffentlichkeit zu schaffen. Aktive Initiativen, die sich gegen Verdrängungs- und Aufwertungsprozesse wehren, erhalten die Möglichkeit, sich im Rahmen des Projekts mit ihrem Anliegen zu präsentieren. Und nicht zuletzt geht es uns darum, neue Menschen zu beteiligen und für die Veränderungen zu sensibilisieren. Dabei wird nicht nur das fotografische Arbeiten gelernt sondern es entstehen auch wertvolle Bezüge im Gemeinwesen.
Unter Anleitung von professionellen, ortsansässigen Fotograf_innen werden sich unterschiedliche Menschen aus St. Pauli (jung und alt, neu hinzugezogene oder schon hier aufgewachsen) mit der Technik und den Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie vertraut machen. Ein kleiner integrierter Foto-Wettbewerb soll auch unabhängig von den Workshops Bewohner_innen zur Teilnahme motivieren.
Abschließend wird es eine Ausstellung geben, die ihren Ausgangspunkt im Stadtteilkulturzentrum Kölibri nimmt und sich in den öffentlichen Raum hinein erstreckt. Dadurch werden auch Besucher_innen von außerhalb eingeladen, St. Pauli „selber zu sehen“.